Die Fiskalklippe aus Sicht der Emerging Markets
26. November 2012

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Die US-Präsidentschaftswahl ist vorüber und Präsident Barack Obama wurde für eine zweite fünfjährige Amtsperiode wiedergewählt. Nun können wir das tun, was wir stets nach größeren Wahlen oder Regimewechseln tun: Wir überprüfen potentielle politische Auswirkungen auf unsere Investments. So wie unser Team es sieht, müssen globale Investoren zwei Hauptfaktoren berücksichtigen: Den künftigen Zustand der US-Wirtschaft und Präsident Obamas außenpolitischen Standpunkt gegenüber Schlüsselländern und insbesondere China. 

Stürzen die USA über die Fiskalklippe?

Heißestes Wirtschaftsthema in den USA ist derzeit die anstehende „Haushaltsklippe“, eine durchschlagende Kombination aus Steuererhöhungen und Kürzungen von Staatsausgaben. Sie wurde 2011 verfügt von einer festgefahrenen US-Regierung in dem verzweifelten Versuch, das Staatsdefizit von 1 Bio. US-Dollar abzubauen. Kann sich das republikanisch dominierte Repräsentantenhaus mit dem Präsidenten und dem demokratisch kontrollierten Senat nicht auf einen anderen Plan einigen, wird die Fiskalklippe – die Folge des Budget Control Act von 2011, wie das entsprechende Gesetz amtlich heißt – im Januar 2013 Realität.

Für diesen Fall befürchten manche Wirtschaftsexperten, dass die USA in die Rezession rutschen und steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Konsumausgaben zum Doppelschlag ansetzen. Das Haushaltsamt des US-Kongresses geht davon aus, dass das US-BIP vom Haushaltsjahr 2012 aufs Haushaltsjahr 2013 um 4% schrumpfen könnte (negatives Wachstum). Meines Erachtens könnte eine solche Entwicklung für die Wirtschaft verheerend enden, denn eine Rezession der größten Volkswirtschaft der Welt hätte hundertprozentig Auswirkungen auf die Weltwirtschaft – ganz besonders auf die asiatische Exportindustrie. Gehen die USA „über die Klippe“, reißen sie andere Länder womöglich mit in den Abgrund.

Wir können das Beste hoffen, müssen uns dabei aber aufs Schlimmste gefasst machen.

Die gute Nachricht für Schwellenländer-Anleger? Die Abhängigkeit Asiens und der Schwellenmärkte vom Export in die USA ist in den letzten zehn Jahren pauschal zurückgegangen. In absoluten Dollarbeträgen hat der Gesamtexport zwar zugenommen, doch die Emerging Markets haben ihre Exportbasis breiter aufgestellt. Neben den USA und Europa, das bekanntlich unter seiner eigenen Schuldenkrise leidet, gehören dazu noch andere Länder.

 Wichtigstes Exportziel für Japan, Korea, die Philippinen, Vietnam, Thailand, Malaysia, Singapur und Indonesien ist heute China. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass die USA mit einem BIP von 16 Bio. US-Dollar die größte Volkswirtschaft der Welt sind, gefolgt von China mit 8 Bio. US-Dollar und Japan mit 6 Bio. US-Dollar. Chinas Wirtschaft ist so groß, dass der Export in die USA nur 5% seines BIP ausmacht. Der Handel mit den USA hat aber ganz klar hohe Bedeutung, denn China ist zweitgrößter Handelspartner des Landes. China gilt zwar in erster Linie als Exportland, doch es importiert auch viele Waren aus den USA – im Jahr 2011 für insgesamt 100 Mrd. US-Dollar.[1] Im Endeffekt könnte es aus Investmentperspektive negative Auswirkungen auf asiatische Unternehmen geben, die in die USA und nach Europa exportieren. Stärkere Unternehmen dürften das nach unserer Erwartung aber verkraften.

Währungspolitik

Was am Ende auch auf der fiskalpolitischen Seite der Gleichung stehen mag, in geldpolitischer Hinsicht dürfte die US-Notenbank ihr expansives „QE”-Programm meines Erachtens weiterführen, um einen starken Abschwung der amerikanischen Wirtschaft zu verhindern und vor allem, um die Arbeitslosigkeit zu verringern. Diese Haltung ist wichtig für die ganze Welt, vor allem aber für die Aktienmärkte, denn mehr Liquidität kann allgemein zu steigenden Kursen führen. Parallel dazu löst sie zwar vermutlich auch höhere Inflation aus, doch solide Unternehmen sollten ihre Preise entsprechend anpassen können. Die expansive Geldpolitik der USA zwingt andere Länder zu ähnlichen geldpolitischen Maßnahmen, damit das Wechselkursverhältnis ihrer Währungen zum US-Dollar nicht zu sehr in Schieflage gerät und ihnen dadurch das Exportgeschäft verdirbt. Daher gehen wir nicht nur für die USA von rasantem Geldmengenwachstum aus, sondern auch für Europa, Japan, China und andere Länder. Was das für Auswirkungen hat, werden wir im kommenden Jahr aufmerksam verfolgen.

Außenpolitik

Außenpolitisch orientiert sich Präsident Obama am Konzept der „Führung aus dem Hintergrund“ und setzt auf engere Zusammenarbeit mit Verbündeten und offeneren Dialog mit vermeintlichen „Gegnern“.

Wie der Präsident sagt, kann Macht allein die USA nicht schützen, sondern es seien verlässliche Bündnisse nötig. Wörtlich formulierte er: „…Macht erwächst aus ihrer umsichtigen Ausübung“. Gefragt seien „Demut“ und „Zurückhaltung“. Offenbar rechnet er mit einer Veränderung der weltwirtschaftlichen Rolle Amerikas in einer Ära, in der Partnerschaften immer wichtiger werden und Verhandlungen effektiver sind als Drohgebärden und die Demonstration militärischer Macht.

Insgesamt sollten Anlagen in Asien von dieser Einstellung und politischen Haltung meiner Ansicht nach profitieren. Eine Konfrontation mit China ist offenbar weniger wahrscheinlich und der Inselstreit zwischen Japan und China dürfte vom US-Präsidenten sensibel gehandhabt werden – trotz der militärischen Allianz zwischen Japan und den USA.

Viele unserer Fragen sind nach wie vor offen, und ich sehe die Risiken durchaus realistisch – insbesondere in Bezug darauf, ob es den USA gelingen wird, ihre Schuldenprobleme zeitnah zu lösen. Die Aussichten für Aktienanlagen auf Schwellenmärkten und in Asien fürs kommende Jahr beurteile ich dennoch weiterhin optimistisch – ob die USA über die Fiskalklippe stolpern oder nicht.

 

[1] Quelle: Office of United States Trade Representatives, 2011.

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