Risiken, Chancen und Abenteuer in Borneo
8. November 2016

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Erst kürzlich haben meine Kollegen und ich den malaysischen Bundesstaat Sarawak auf der Insel Borneo besucht. Borneo, das zu Teilen auch zu Indonesien und Brunei gehört, ist eine riesige Insel – mehr als 740.000 Quadratkilometer groß. Der Bundesstaat Sarawak weist – wie der Rest Borneos auch – enorme Mengen an natürlichen Mineral- und Holzressourcen auf. Die Regenwälder des Staates enthalten eine ungeheuer vielfältige Tierwelt, darunter auch die Borneo-Orang-Utans, sowie zahlreiche weitere Tier- und Pflanzenarten. Auch die menschliche Bevölkerung Sarawaks ist mit mehr als 20 vertretenen ethnischen Gruppen sehr vielfältig.

Sarawak ist insofern einzigartig, als dass die malaysische Verfassung Bestimmungen enthält, die die Quasi-Unabhängigkeit Sarawaks schützen. Die Lokalverwaltung ist befugt, die geltenden Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen selbst festzulegen, ebenso wie die Beschäftigung im öffentlichen Dienst, etc. Politischen Beobachtern zufolge ist Sarawak bei malaysischen Parlamentswahlen häufig der „Swing State“, der das Ergebnis letztendlich entscheidet.

Meine Kollegen und ich waren in Bintulu, einer Kleinstadt nordöstlich von Kuching, der Hauptstadt Sarawaks. Der Ort befindet sich in der zentralen Küstenregion Sarawaks, wo in jüngster Zeit ein industrieller Boom eingesetzt hat. Vor dem Abendessen wollte ich noch schwimmen gehen, wurde jedoch gewarnt, vor der Küste in der Nähe unseres Hotels sei gerade ein Krokodil gesichtet worden. Da ich immer genau auf das Risiko-Ertrags-Profil einer Situation achte, beschloss ich, auf meinen nächtlichen Schwimmausflug zu verzichten, da Krokodile nachts bekannterweise sehr gut sehen können – und ich wollte nicht riskieren, selbst zum Abendessen zu werden. Am nächsten Morgen beschloss ich nach einer neuerlichen Sondierung der Lage dann, doch schwimmen zu gehen. Glücklicherweise ließ sich kein Krokodil blicken. Bei einer früheren Reise nach Borneo hatte ich den höchsten Berg der Insel, Mount Kinabalu, erklommen. Dieser befindet sich in Sabah, dem anderen malaysischen Bundesstaat auf der Insel. Und was für eine Erfahrung das war!  Unsere Gruppe hatte sich noch vor der Morgendämmerung im strömenden Regen auf den Weg gemacht. Wir kletterten über rutschige Schlingpflanzen und Steine und erreichten den Gipfel (mehr als 4.000 über dem Meeresspiegel) gerade rechtzeitig für den Sonnenaufgang. In diesem Fall war ich froh, dass es während des Aufstiegs dunkel gewesen war – hätte ich die Felswand, die wir erklimmen mussten, bei Tageslicht gesehen, hätte ich sie niemals in Angriff genommen!

Borneo ist die drittgrößte Insel der Welt. Der äquatoriale Regenwald ist die Heimat zahlreicher Pflanzen- und Tiersorten, die Touristen aus aller Welt anlocken. Borneo kann zudem erhebliche Energieressourcen vorweisen: mehrere Wasserkraftwerke sowie umfangreiche Kohle- und Erdgasvorkommen. Eines der wichtigsten Exportgüter der Insel ist Flüssigerdgas.

Meine Kollegen und ich waren in Bintulu, um den Samalaju Industrial Park zu besichtigen, der Teil des Sarawak Corridor of Renewable Energy (SCORE) Programms ist. Dieses Programm wurde 2008 ins Leben gerufen, um die reichhaltigen Wasser- und sonstigen Energieressourcen des Bundesstaats zu nutzen und energieintensive Industriezweige wie beispielsweise die Aluminium-, Glas- und Stahlherstellung zu unterstützen. Derzeit gibt es drei Staudammprojekte, die Strom erzeugen. Der 2011 fertiggestellte Bakun Dam ist der größte Steinschütt-Staudamm Südostasiens. Er ist darauf ausgelegt, etwa 2.400 Megawatt an Strom zu erzeugen.

Das Bakun Dam-Projekt war nicht unumstritten, insbesondere aufgrund seiner möglichen ökologischen und sozialen Folgen. Eine Fläche von etwa 700 Quadratkilometern (dies entspricht in etwa der Größe Singapurs) wurde geflutet, wodurch nicht nur Siedlungen von Einheimischen, sondern auch Regenwälder verschwanden, die einigen Umweltschützern zufolge Pflanzen und Tiere enthielten, die es sonst nirgendwo auf der Welt zu finden gibt. Ein weiteres Wasserkraftwerk, der Murum-Staudamm, wurde 2014 begonnen. Auch hier wurden Tausende von Hektar an Wäldern geflutet und indigene Völker vertrieben. Das Baram Dam-Projekt stößt unter den örtlichen Eingeborenenstämmen auf erheblichen Widerstand. Dennoch sind noch weitere Staudammprojekte geplant, die bereits von der Regierung abgesegnet wurden.

Zu den ersten Investoren des Samalaju Industrial Park zählte ein japanisches Unternehmen, das polykristallines Silizium herstellt, das in integrierten Schaltungen und Solarzellen zum Einsatz kommt. Die Herstellung von Silizium erfordert enorme Strommengen, so dass der Standort aufgrund der günstigen Strompreise für das Unternehmen sehr interessant war. Die Investitionen beliefen sich auf insgesamt etwa 1 Mrd. USD, und es wird damit gerechnet, dass hierdurch 900 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Am Industriepark besuchten wir eine Aluminiumhütte mit einer jährlichen Produktionskapazität von 640.000 Tonnen. Das Werk nutzt 1.000 MW Strom, um aus Australien importiertes Rohbauxit zu verhütten. Das enorme Bauwerk erstreckt sich über eine Länge von mehr als einem Kilometer. Der Werksleiter erklärte, Strom sei normalerweise der größte Kostenfaktor bei der Herstellung von Aluminium. Der Strom an diesem Standort sei jedoch so günstig, dass die Kosten des Werks zu den niedrigsten der Welt zählten. Er zeigte sich angesichts der Zukunftsaussichten für Aluminium optimistisch, vor allem aufgrund einer steigenden Nachfrage von Unternehmen aus Sektoren wie Transport, Bau, Elektrik, Verpackung und Gebrauchsgüter.

参观马来西亚砂拉越一家冶炼厂

Besuch einer Hütte in Sarawak, Malaysia

Trotz der Anstrengungen von Umweltschützern, den Regenwald zu schützen, stellt die Abholzung von Wäldern und die Brandrodung zur Gewinnung von Land für Palmölplantagen ein Problem dar. Nicht nur, weil die Wälder verschwinden, sondern auch weil jedes Jahr, während die Brandrodungen stattfinden, riesige Rauchwolken einen Monat lang über die Insel ziehen, die bis nach Singapur und zur malaysischen Halbinsel reichen. Die Umwelt zu schützen und zu erhalten und gleichzeitig Wachstum und Fortschritt zu erzielen, ist zweifellos ein schwieriger Balanceakt.

Infrastruktur scheint für Malaysia insgesamt einen hohen Stellenwert zu haben: der kürzlich von der Regierung vorgestellte Haushaltsplan für 2017 sieht erhebliche Mittel für Eisenbahn-, Brücken- und Straßenprojekte vor. Das Bauwesen stellt nach wie vor die am schnellsten wachsende Branche Malaysias dar. Daher fragte ich mich, wie wohl die Pläne für den malaysischen Teil von Borneo aussehen.

Da Kuching die Hauptstadt von Sarawak ist, hielten wir es für sinnvoll, uns direkte Einblicke in die Zukunftspläne des Bundesstaats zu verschaffen. Erst kürzlich hat ein neuer Ministerpräsident sein Amt angetreten, und wir hatten gehört, er beabsichtige eine Beschleunigung der Entwicklungstätigkeit. In der höhlenartigen Lobby eines Innenstadthotels trafen wir den Planungsbeauftragten, der sich auf dem Weg zum Flughafen befand. Er erklärte uns, die Regierung sei daran interessiert, den privaten Sektor stärker in die Entwicklung einzubinden. Hierfür wolle sie Verträge für den Bau und Betrieb diverser Infrastrukturprojekte an Unternehmen vergeben. Ich fragte ihn, ob man beabsichtige, Mautstraßen vom privaten Sektor bauen zu lassen, so dass die jeweils beteiligten Unternehmen die Kosten für den Bau dann durch die Mauten wieder einbringen könnten. Der Beamte erklärte, es sei womöglich politisch zu heikel, die Bevölkerung für die Nutzung der Straßen zur Kasse zu bitten. Die Regierung hingegen könne die Konzessionäre durchaus selbst angemessen vergüten. Er spekulierte über die Idee, Sarawak in ein Finanzzentrum zu verwandeln und für Investment- und Bankgesellschaften attraktiv zu machen.

Das tropische Klima und der angenehme Lebensstil in Sarawak wäre für viele sicherlich attraktiv. Allerdings hatte Malaysia hierfür bereits die Insel Labaun vorgesehen – ein Projekt, das bislang jedoch nicht von überwältigendem Erfolg gekrönt worden ist. Es gibt zweifellos zahlreiche Faktoren, die die Gegend für Ausländer attraktiv machen.

Ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, dass sich die Regierung eher in einer paternalistischen Rolle sieht – eine Einstellung, die angesichts der bewegten Geschichte der Region durchaus verständlich ist. 1841 wurde der britische Soldat James Brooke in Anerkennung für seine Verdienste bei der Zerschlagung einer Rebellion zum Gouverneur mit dem Titel Rajah ernannt. Brooke führte offenbar eine eher wohltätige und gut geordnete Regierung und zeichnete für die Errichtung zahlreicher öffentlicher Bauprojekte verantwortlich, darunter beispielsweise das Abwassernetz der Stadt, ein Krankenhaus, ein Fort und ein Basar. Er wurde auch der „Weiße Rajah“ genannt, und nach seinem Tod traten seine Nachkommen in seine Fußstapfen. Während ihrer Herrschaft hatte Sarawak eine eigene Währung, eigene Briefmarken und wurde 1850 sogar von den USA als unabhängiger Staat anerkannt. Die Brookes setzten auf eine Form von Paternalismus mit Räten, bei denen die verschiedenen Stämme und ethnischen Gruppen wie z.B. die Ibans, Dayaks und andere den Rajah berieten. Hiermit schufen sie die erste und älteste gesetzgebende Versammlung Malaysias.  Im zweiten Weltkrieg wurde Sarawak durch Japan besetzt, nach der japanischen Kapitulation im Jahr 1946 wurde es britische Kronkolonie. 1963 erhielt die Region ihre Autonomie zurück, und sie wurde Teil der malaysischen Föderation.

In meiner Freizeit hatte ich die Gelegenheit, das Sarawak Museum in Kuching zu besuchen. Charles Brooke, der Neffe von James, begann 1891 mit dem Bau des Museums. Heute enthält es eine umfangreiche Sammlung ethnischer Artefakte und Naturexponate. In der Hafengegend im Stattzentrum stießen wir auf ein kleines Schiffsreparaturdock mit einer Gedenktafel. Hierauf war ein Zitat aus einem Buch mit dem Titel „Mein Leben in Sarawak“, das aus der Feder von Charles Brookes Frau Margaret stammt.  Sie beschreibt die Einweihung des Docks und die unfreiwillig komische Feier, bei der ihr Mann wohl versucht hatte eine Rede zu halten. Zur Belustigung aller war die Rede jedoch nicht zu hören, da die Arbeiter immer übermütiger wurden und begannen, ins Wasser zu springen.

Bei unserem Besuch des Hafenviertels in der Innenstatt sahen wir elegante und wunderschöne Regierungsgebäude. In Kuching werden Katzen offenbar geliebt. In einem kleinen Park im zentralen Hafenviertel war neben großen Katzenstatuen auch ein Katzenmuseum zu finden. Darin können Besucher eine umfangreiche Sammlung von Katzenutensilien und -zubehör bewundern – Gemälde, Bilder, Skulpturen, Spielzeuge und überhaupt einfach alles, was mit Katzen zu tun hat.  Manch einer behauptet, der Name der Stadt sei darauf zurückzuführen, dass das Wort „kuching“ auf malaiisch „Katze“ bedeutet. Der Legende nach zeigte James Brooke bei seiner Ankunft, als er von seinem Schiff an Land kam, auf etwas auf dem Hafenpier liegendes. Ein Junge sah die Geste und meinte, er zeige auf eine Katze, die sich dort räkelte. Alle dachten, er wolle seiner neuen Wirkungsstätte den Namen „Kuching“ geben. Während viele Besucher also nach Borneo kommen, um die vielfältige exotische Tierwelt zu erforschen, gibt es durchaus auch für Liebhaber eher häuslicher Lebewesen etwas zu entdecken.

Flickr/Patrick Liu

Katzenmuseum Kuching, Quelle: Flickr/Patrick Liu

Nachdem wir Kuching und Sarawak den Rücken zugekehrt und uns wieder auf den Weg nach Kuala Lumpur gemacht hatten, dachte ich darüber nach, welche große Fortschritte dieser Staat erreicht hatte und was für ein Potenzial er für eine weiterhin rapide Entwicklung aufweist. Ich bin mir sicher, dass sich hier in den kommenden Jahren gute Investmentchancen auftun werden.

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