Vietnam im Wandel
17. Januar 2017

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In nur wenigen Jahrzehnten hat Vietnam einen drastischen Wandel von einer Agrargesellschaft in ein für die Moderne Zeiten offenes Land vollzogen. Seine junge Bevölkerung und eine wachsende Mittelschicht sind Faktoren, die ein solides Wachstum begünstigen – und vielen globalen Anlegern Chancen bieten. Dieser zukunftsträchtige Markt hat das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht vollständig übernommen – es ist immer noch ein kommunistischer Staat. Jedoch hat er es geschafft, ein interessantes Gleichgewicht zu erreichen. In den letzten Jahren hat Vietnam durchaus Anklang bei Investoren gefunden. Angesichts der Wahl Donald Trumps zum nächsten US-Präsidenten steht der Fortschritt bei der Transpazifischen Partnerschaft (TPP), in der Vietnam eine wichtige Rolle gespielt hätte, noch stärker in Frage. Andererseits wird an neuen Handelsabkommen gearbeitet. Eins davon ist die Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), der Vietnam zusammen mit neun anderen Mitgliedern des Verbands Südostasiatischer Nationen (ASEAN) angehört, u.a. Australien, China, Indien, Japan, Südkorea und Neuseeland. In der Zukunft könnte es außerdem weitere, bilaterale Handelsabkommen geben.

在胡志明市购物

Shopping in Ho-Chi-Minh-Stadt

Trotzdem bin ich der Meinung, dass Vietnam nach wie vor ein attraktives Ziel für Anleger und Touristen ist und wir sehen eine glänzende Zukunft für das Land. Bei einem kürzlichen Besuch Vietnams konnte ich die jüngste Welle des gerade stattfindenden Wandels beobachten.

Vietnam weist ein solides Wirtschaftswachstum aus: das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg zwischen 2000 und 2015 durchschnittlich um knapp 7%.[1] Infolge dieses Wirtschaftsaufschwungs ist auch die Kaufkraft der Verbraucher gestiegen. Lag 1990 das Bruttonationaleinkommen pro Einwohner noch bei 910 US-Dollar, betrug es 2015 bereits 5.690 US-Dollar.[2]Während meiner jüngsten Reise nach Vietnam habe ich enorme Chancen im Konsumsektor aufgrund dieses Einkommensanstiegs gesehen.

So erfuhren wir beispielsweise beim Besuch einer Molkerei, dass der Milchkonsum pro Kopf und Jahr in den USA bei über 100 Litern lag, während er in China 30 Liter erreichte und jeder Vietnamese im Schnitt lediglich 16 Liter verbrauchte. Diese Menge ist jedoch rasch gestiegen und so überrascht es nicht, dass die von uns besuchte Molkerei in den letzten fünf Jahren stetige Gewinnsteigerungen verbuchte. Das Unternehmen verarbeitet frische Rohmilch von Kühen aus dem Land, stellt aber auch Milchpulvermilch, Kondensmilch, Babynahrung und Joghurt her. Die Firma exportiert ihre Produkte nicht nur in die Nachbarländer in Asien, sondern auch in einige Märkte im Nahen Osten.

An vielen Unternehmen in Vietnam ist der Staat mehrheitlich beteiligt, jedoch schreitet die Privatisierung voran und es ist geplant, dass die Aktien einiger Unternehmen in Zukunft an der Börse gehandelt werden. Einige werden zunächst am Nebenmarkt der Börse in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem UPCoM, notiert werden. Die Publizitätsanforderungen dieses Börsensegments sind weniger streng. Jedoch dürften aus unserer Sicht viele Unternehmen aufgefordert werden, am Hauptmarkt zu notieren und einen tieferen Einblick in ihre Zahlen zu gewähren. Unserer Meinung nach dürfte der Verkauf einiger Unternehmen im Staatsbesitz dazu beitragen, die steigende Staatsverschuldung Vietnams zu senken. Andererseits finden erfreuliche Direktinvestitionen aus dem Ausland statt und der Industrie geht es ebenso gut wie den Exporten. Da die Dienstleistungsbranche (einschließlich Tourismus) mehr als 40% des vietnamesischen BIP darstellt, richtet sich unser Interesse überwiegend auf diesen Sektor.[3]

Phu Quoc

Um uns ein Bild von der Tourismusbranche Vietnams zu machen, sind meine Kollegen und ich auf die Insel Phu Quoc vor der Küste im Süden des Landes geflogen. Wir landeten auf einem neuen, modernen Flughafen mit Kapazität, eine wachsende Schar in- und ausländischer Touristen abzufertigen. Vietnams Billigfluglinie befördert inländische Touristen für nur 30 bis 50 US-Dollar pro Strecke von Ho-Chi-Minh-Stadt aus auf die Insel. Die Reisevorschriften mögen zwar kompliziert sein und sich ständig ändern, jedoch können ausländische Touristen 15 bis 30 Tage ohne Visum auf Phu Quoc bleiben. Dies ist eine einmalige Ausnahme, die Besuchern anderer Landesteile Vietnams nicht zur Verfügung steht.

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Auf der Insel Phu Quoc

Während unseres Aufenthalts sind wir per Auto und Zweirad von einem Ende der Insel zum anderen gefahren. Wir stellten einen Bauboom fest: neue Hotels, Appartments, Ferienhäuser werden gebaut und eine spektakuläre Seilbahn soll die Insel mit anderen Nebeninseln verbinden. Mit 574 Quadratkilometern ist Phu Quoc selbst eine große Insel (zum Vergleich: Singapur hat 719 Quadratkilometer) und sie wurde durch die vietnamesische Regierung zur touristischen Erschließung bestimmt. Die Fahrt zu unserem Hotel führte über eine neue vierspurige Autobahn. Während unserer Inseltour sahen wir auch die im Bau befindliche neue vierspurige Nord-Süd-Autobahn. Bisher hat die Regierung mehr als 1 Milliarde US-Dollar in die Infrastruktur der Insel gesteckt, davon allein mehr als 700 Millionen US-Dollar in unseren Zielflughafen. Laut regionalen Meldungen hat die Regierung im Sommer 2016 mehr als 160 Projekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt mehr als 6 Milliarden US-Dollar genehmigt und lizenziert.

富国岛旅游业繁荣

Tourismusboom auf Phu Quoc

Als ein Mikrokosmos des gesamten Landes hat sich Phu Quoc seit seiner Zeit als Zufluchtsort deutlich gewandelt. Über mehrere Regime, von der französischen Kolonialzeit bis zum Vietnamkrieg, hat die Insel außerdem als Straflager gedient. Als eine der Sehenswürdigkeiten für Touristen ist ein Museum-Straflager zu nennen, komplett ausgestattet mit Stacheldraht, Wachtürmen sowie Darstellungen von Wachsoldaten und Gefangenen. Die Insel ist außerdem berühmt für ihre Fischsoße und für Pfefferkörner, die wir an den Kletterpflanzen überall auf der Insel bewunderten.

Die früher auf Fischfang und dem erwähnten Pfeffer sowie der Fischsoße basierende Wirtschaft der Insel erfährt einen Wandel durch den Tourismus. Im Norden der Insel hat ein vietnamesischer Bauträger einen Riesenkomplex mit 1.000 Hotelzimmern, 1.000 Ferienwohnungen, einem Safaripark (wohl einer der weltweit größten), einen Wasserpark sowie einen Vergnügungspark mit verschiedenen Achterbahnen und anderen schwindelerregenden Fahrgeschäften gebaut. Außerdem gibt es einen 27-Loch-Golfplatz, ein internationales Krankenhaus und Einrichtungen, die sich zu einem größeren Kasino ausbauen lassen.

Ein weiterer Bauträger baut einen Komplex im Süden der Insel. Er enthält eine spektakuläre Seilbahn, die über das Meer zu Nebeninseln führt. Wir konnten auch weitere neue Hotelbaustellen entlang des Strands beobachten.

Außerdem wurde eine Perlenfarm angelegt und wir sahen einige Läden, die mit den lokalen Perlen warben. Auf unserer Fahrt durch die Dörfer der Insel bemerkten wir, dass das Straßennetz und Verkehrseinrichtungen noch weiter ausgebaut werden müssen. Der Touristenstrom und der Bau von hochwertigen Einrichtungen für ihre Unterbringung haben gut bezahlte, beständige Arbeitsplätze für viele Einheimische geschaffen, die bis dahin einen niedrigen Lebensstandard hatten.

Einer der vietnamesischen Köche in unserem Hotel erzählte uns beispielsweise, dass er früher Fischer war und es ihm jetzt finanziell besser ginge. Nach seiner Schilderung war das Leben als Fischer gefährlich und ungewiss, da er nie wusste, ob er genug Fisch fangen würde, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Seine Frau sei ebenfalls berufstätig, sodass sie jetzt ein besseres Leben führen.

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Safari in Afrika? Nein, es ist Vietnam

Einige sehen die Erschließung natürlich schöner Orte wie Phu Quoc durchaus kritisch, jedoch muss dieses Thema unter mehreren Aspekten betrachtet werden. Für die mehr als 100.000 Einheimischen sieht die Zukunft auf ihrer Insel jetzt glänzender aus. Es bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung in Vietnam und anderswo mit den richtigen Absichten und dem entsprechenden Interessenausgleich vonstatten geht. Mit ihrem freundlichen, offenen Naturell und fröhlichen Art werden die Einwohner von Phu Quoc nach meiner Meinung ihre Insel zu einer erfolgreichen Tourismusdestination machen. Wir sind begeistert von dem Potenzial für weiteres Wachstum und den Wandel in Vietnam.

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[1]Quelle: Weltwirtschaftsausblick des IWF, Oktober 2016.

[2]Quelle: Weltbank, Daten per 2015. Das Bruttonationaleinkommen je Einwohner ist in Dollar Kaufkraftparität angegeben, um unterschiedliche Preishöhen zwischen Ländern auszugleichen.

[3]Quelle: CIA World Factbook, Daten per 2015.

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