Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Reisen in Schwellenländern verändert sich

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Vor Kurzem habe ich einen Blog über Chancen im Bereich Freizeit und Unterhaltung in Schwellenländern verfasst. Dazu gehörte auch die Reisebranche. Der Ausbau der Infrastruktur und die bessere Verfügbarkeit preisgünstiger Flüge ermöglichten es einer wachsenden Zahl von Reisenden, exotische Orte zu erkunden, die sie bisher nur aus der Literatur oder dem Fernsehen kannten. Und nicht nur Menschen aus Industrieländern bekommen diese Sehenswürdigkeiten mit eigenen Augen zu sehen – auch vielen Menschen aus Schwellenländern steht ein höheres Einkommen für Urlaubsreisen zur Verfügung.

Reisen nach und innerhalb der Schwellenländer sind heute weitaus unkomplizierter und schneller denn je – es gibt Orte, deren glanzvolle Flughäfen und Bahnhöfe es mit denen in Industrieländern durchaus aufnehmen können, wenn sie diese nicht sogar übertreffen. Als ich vor über 40 Jahren begann, Research-Reisen zu unternehmen, existierten Flugreisen in vielen Entwicklungsländern schlicht und einfach nicht. Flughäfen waren eine Seltenheit, und es gab deutlich weniger Fluggesellschaften. Auch waren Flugzeuge weniger effizient und konnten nicht die Entfernungen bewältigen, die sie heute zurücklegen.

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Am Flughafen von Medellín, Kolumbien

Mit der Infrastruktur am Boden verhielt es sich ähnlich: schlechte Straßen und kaum oder keine Züge. Ein Research brachte mich zu dieser Zeit nach Indonesien – diese Reise ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es damals war, von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Mein Ziel war die Untersuchung der dortigen Seifenherstellung. Dazu musste ich das ganze Land bereisen, vom nördlichen Sumatra bis zur Südspitze Balis. Es gab nur wenige Direktflüge, und Reisemittel reichten von Kleinflugzeugen und Bussen über Taxis und Fähren bis hin zu Motorrädern und sogar Fahrrädern! Meine Reise war oft sehr anstrengend, bevor ich überhaupt meine Arbeit beginnen konnte.

Los ging es in Medan. Von dort aus reiste ich nach Palembang und in andere Teile Indonesiens, um die Seifenfabriken des Landes zu besuchen. Die Straßen waren oft unbefestigt und holprig. Hotels nach heutigen Maßstäben waren kaum zu finden, daher übernachtete ich in traditionellen indonesischen Gästehäusern (sogenannten Losmen) – kleine Unterkünfte, oft bei Familien.

Nach meiner Ankunft auf Bali stellte ich fest, dass ich meinen Reisepass im Losmen in Surabaya vergessen hatte. Damals war es üblich, dass die Mitarbeiter eines Losmen oder Hotels den Pass ihrer Gäste entgegennahmen und bis zur Abreise aufbewahrten. In diesem Fall hatten sie vergessen, ihn mir zurückzugeben. In meiner Eile, zur nächsten Etappe zu gelangen, hatte ich beim Check-out vergessen, danach zu fragen.

Meinen Pass zu verlieren, hätte eine ziemliche Katastrophe sein können, aber dank der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Indonesier kam er schnell und sicher wieder bei mir an. Die Polizei auf Bali half mit netterweise dabei, das Losmen in Surabaya anzurufen, dessen Mitarbeiter dann meinen Pass mit dem nächsten Bus nach Bali schickten. Ich musste meine Weiterreise um einen Tag verschieben, um auf meinen Pass zu warten, aber ich war so dankbar, ihn wiederzuhaben – ohne ihn hätte ich nicht weitergekonnt.

Heute können immer mehr Besucher aus aller Welt die zahlreichen Attraktionen Indonesiens genießen und dabei viel einfacher das Land bereisen, als es damals war. Die Regierung hat Tourismus zu einer Priorität gemacht, was sich auszuzahlen scheint: Indonesien gelang 2015 im Wettbewerbsbericht des Weltwirtschaftsforums zum Thema Reise und Tourismus der Sprung auf den 50. Platz, nachdem es 2013 noch auf Rang 70 lag.[1] Es herrscht zwar weiterer Investitionsbedarf in die Infrastruktur des Landes, doch Flugreisen wurden in Indonesien stark ausgebaut. Heute kann ich mehrere indonesische Firmen innerhalb eines Tages besuchen und mit meinem eigenen Mobiltelefon in den meisten Teilen des Landes Hilfe anfordern oder Vorbereitungen treffen.

Tourismus hat für Indonesien und viele andere Länder der südostasiatischen Regionalorganisation Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) eine wichtige Bedeutung.[2] Reisen und Tourismus machten 2015 beispielsweise beinahe 30% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von Kambodscha und mehr als 20% des BIP von Thailand aus.[3]

Es ist anzumerken, dass Wirtschaftswissenschaftler festgestellt haben, dass Tourismus einen maßgeblichen Einfluss auf breite Bevölkerungsschichten hat, und zwar über den sogenannten „Multiplikatoreffekt“. Sprich das Geld der Touristen kommt dem Einzelhandel und der Gastronomie direkt zugute – dem Teil der Wirtschaft, in dem viele Menschen der niedrigen und mittleren Einkommensgruppen arbeiten.

Touristen aus China wagen sich in größerer Zahl über ihre Landesgrenzen hinaus und spielen eine wesentliche Rolle beim Wachstum des Tourismus in Asien und anderen Teilen der Welt. Im Jahr 2000 besuchten knapp 10 Millionen Touristen aus China Länder der ASEAN, doch bis 2015 war diese Zahl auf 78 Millionen gestiegen.[4] In Kombination empfingen die ASEAN-Staaten 2015 21% der Auslandsreisenden aus China.[5] Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, einige Reise- und Freizeittrends und -entwicklungen in China unter die Lupe zu nehmen.

Reisen innerhalb und aus China

Die Entwicklung der Reisebranche Chinas ist beachtlich. In der Nationaltagswoche im Oktober 2016 (auch als „Goldene Woche“ bezeichnet) wurden in China landesweit mehr als 590 Millionen Inlandsreisen unternommen – ein Plus von nahezu 13% gegenüber dem Vorjahreszeitraum.[6] Die Tourismusausgaben beliefen sich auf insgesamt 421 Mrd. RMB und lagen somit 14% über dem Vorjahr. Gleichfalls erreichten die Ausgaben der Chinesen für Einkäufe und Lebensmittel in der Urlaubswoche Rekordwerte. Doch die Chinesen unternehmen in der Urlaubszeit nicht nur Inlandsreisen. Marokko wurde als eine der Spitzendestinationen für chinesische Touristen zur Goldenen Woche im letzten Jahr genannt. Zum diesjährigen Mond-Neujahr schwärmten Reisende aus China in andere Länder Asiens sowie nach Europa und Nordamerika.

Seit 2004 hat China jährlich zweistellige Wachstumsraten bei den Ausgaben verzeichnet und steht weltweit an der Spitze bei Auslandsreisen.[7]

High-speed train, Guiyang, China station
High-speed Zug, Station Guiyang, China

Vor Jahrzehnten waren Freizeitreisen für die meisten Bürger Chinas undenkbar. Heute steht den meisten chinesischen Verbrauchern ein höheres Einkommen für Reisen und Freizeit zur Verfügung. 2001 galten nur 3% der Bevölkerung Chinas als Angehörige der mittleren Einkommensschicht, doch 2011 betrug dieser Anteil bereits 18%.[8] Auf absoluter Basis bedeutet das, dass mehr als 200 Millionen Menschen die mittlere Einkommensschwelle überschritten haben.[9] In absoluten Zahlen rühmt sich China zwar der weltweit größten Mittelschicht, doch prozentual betrachtet liegt das Land immer noch unter dem globalen Durchschnitt. Dennoch steigt das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen in städtischen Haushalten: von 2006 bis 2015 um 165% auf 31.195 Yuan (4.551 USD).[10]

Nach einem Economist Intelligence Unit-Bericht wird davon ausgegangen, dass bis zum Jahr 2030 35% der Bevölkerung Chinas (etwa 480 Millionen Verbraucher) die Definition des oberen Bereichs der mittleren Einkommensschicht und der hohen Einkommensschicht erfüllen werden.

Der obere Bereich der mittleren Einkommensschicht hat dabei ein verfügbares Einkommen von 67.000 RMB bis 200.000 RMB (10.800 USD bis 32.100 USD) und

Verbraucher mit hohem Einkommen haben ein verfügbares Einkommen von mehr als 200.000 RMB (32.100 USD).[11]

Freizeitaktivitäten in China

Die Entwicklung der Freizeitaktivitäten in China dauert an, ich würde daher in diesem Bereich mit Weiterentwicklung rechnen. Im Zuge ihrer Bemühungen, die Volkswirtschaft weg von ihrem exportorientierten Fokus auf die Fertigungsindustrie in Richtung einer am binnenwirtschaftlichen Wachstum ausgerichteten Ökonomie zu entwickeln, hat die Regierung Chinas einen Ausbau der Dienstleistungsbranche als Anteil des BIP angeordnet.

Im südchinesischen Macau gibt es eine riesige Serviceindustrie, die sich aufs Glücksspiel stützt und als das „Las Vegas Chinas“ gilt. Doch wandelt sie sich zu einem allgemeinen Unterhaltungszentrum, das noch immer wächst.  Macau (auch Macao geschrieben) ist eine teilautonome Region an der Südküste Chinas, die bis 1999 eine portugiesische Kolonie war. Heute ist sie offiziell als die Sonderverwaltungszone Macau der Volksrepublik China bekannt.

Als wir vor Kurzem in Macau waren, besuchten meine Kollegen und ich ein Thermalbad, das wir von früher kannten. Als es vor ca. 10 Jahren eröffnete, war die Einrichtung ziemlich beeindruckend, aber die Instandhaltung wurde vernachlässigt und die einst beliebte Attraktion wurde bei diesem erneutem Besuch von nur wenigen Gästen frequentiert. Daran wird deutlich, dass die Besucher kommen, wenn man etwas baut – aber man muss sich auch darum kümmern! Als Anleger veranschaulicht dieses Beispiel ebenso die Bedeutung, etwas aus erster Hand zu sehen und zu begutachten. Selbst wenn etwas einen vielversprechenden Eindruck macht, kann sich die Situation schnell ändern. Es ist wichtig, herauszufinden, warum das so ist.

Bei unserer Reise zur Insel Hengqin in Zhuhai waren die Infrastrukturverbesserungen der letzten Jahrzehnte in der Region offensichtlich. Zhuhai wurde Ende der 1970er Jahre zur Sonderwirtschaftszone (SWZ) erklärt. Die Regierungspolitik öffnete eine „Tür“ nach Macau und zur Außenwelt. SWZs boten ausländischen Anlegern besondere Anreize, darunter steuerliche Vergünstigungen und weniger Bürokratie. Der SWZ-Status Zhuhais bedeutete, dass es eine Spritze an Infrastrukturinvestitionen erhalten würde, und wir haben ausreichend Beweise dafür gesehen.

Heute gibt es eine Vielzahl von Projekten, die sich in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung befinden, um Schlüsselbereiche innerhalb der Zone zu fördern und die Entwicklung insbesondere der Küstengebiete Chinas zu unterstützen. Das Hongkong-Zhuhai-Macao-Projekt aus Brücken und Tunneln befindet sich noch im Bau, ist allerdings beinahe abgeschlossen. Es wird die Regionen enger miteinander vernetzen und sicherlich mehr Besucher anziehen.

Während meiner Reisen durch China im Laufe der Jahre habe ich viele neue Projekte gesehen, darunter neue Attraktionen – unzählige neue Attraktionen! Wer eine veraltete Meinung von China hat, den erwarten schnelle, zuverlässige Hochgeschwindigkeitszüge, glänzende Einkaufszentren und beeindruckende Theater, Sportarenen und andere Touristenattraktionen. Die Infrastruktur in China muss noch immer deutlich ausgebaut werden. Und wenn die Verbraucherpopulation weiter so wächst – zahlenmäßig wie im Hinblick auf ihre Kaufkraft – dann wird es zweifelsohne zahlreiche weitere Veränderungen und Anlagechancen geben!

Riding the rails in China
Auf den Schienen unterwegs in China

Die Kommentare, Meinungen und Analysen von Mark Mobius dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.

Wichtige Hinweise

Alle Anlagen beinhalten Risiken, auch den möglichen Verlust der Kapitalsumme. Anlagen in ausländischen Wertpapieren sind mit besonderen Risiken behaftet, darunter Währungsschwankungen sowie ungewisse wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Anlagen in Schwellenländern, zu denen als Untergruppe auch die Grenzmärkte gehören, sind mit erhöhten Risiken in Bezug auf dieselben Faktoren verbunden. Hinzu kommen die durch ihre kleinere Größe, ihre geringere Liquidität und die nicht so fest gefügten rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen zur Stützung der Wertpapiermärkte bedingten Gefahren. Da diese Rahmenbedingungen in Grenzländern in der Regel noch geringer ausgeprägt sind und diverse Faktoren vorliegen, wie gesteigertes Potenzial für extreme Preisschwankungen, Illiquidität und Handelsbarrieren und Wechselkurskontrollen, werden die mit Schwellenländern verbundenen Risiken in Grenzländern verstärkt. Aktienkurse schwanken mitunter rasch und heftig. Das kann an Faktoren liegen, die einzelne Unternehmen, Branchen oder Sektoren betreffen, oder an den allgemeinen Marktbedingungen.

[1] Quelle: Weltwirtschaftsforum, „The Travel & Tourism Competitiveness Report 2015“.

[2] Staaten der Association of Southeast Asian Nations: Brunei Darussalam, Kambodscha, Laos, Indonesien, Myanmar, Singapur, Thailand und Vietnam.

[3] Quelle: Weltreise- und Tourismusrat, „Travel & Tourism Investment in ASEAN“, Oktober 2016.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Quelle: Staatliche Tourismusverwaltung der Volksrepublik China, Oktober 2016.

[7] Quelle: Weltorganisation für Tourismus, Daten bis 2015.

[8] Quelle: Pew Research Center, „A Global Middle Class is More Promise Than Reality“, 8. Juli 2015. Laut Definition für diese Studie leben Menschen mit mittlerem Einkommen von 10 USD bis 20 USD pro Tag. Das entspricht einem Jahreseinkommen von 14.600 USD bis 29.200 USD für eine vierköpfige Familie.

[9] Ebd.

[10] Quelle: Nationale Statistikbehörde Chinas.

[11] Quelle: Economist Intelligence Unit, „The Chinese Consumer in 2030“. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich Schätzungen oder Prognosen bewahrheiten.

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