Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Perspektive

China: Den Weg für die Zukunft ebnen

China knüpft weltweit neue Handelsbeziehungen, baut seinen Handel aus und verschafft sich massiv Zugang zu neuen Märkten. Das Reich der Mitte scheint seine Kapitalmärkte zu öffnen und bemüht sich um mehr Transparenz. Unlängst wurden die Börsen in Festlandchina und Hongkong erfolgreich verknüpft. Zudem wurde vor Kurzem eine neue Verknüpfung zwischen Anleihemärkten bekanntgegeben. Die jüngste Ankündigung des Indexanbieters MSCI, große chinesische Festlandsaktien ab nächstes Jahr in seinen Emerging Markets Index[1] aufzunehmen, ist meines Erachtens ein klares Vertrauenssignal und eine Bestätigung dafür, dass das Volumen des Wachstums und des Kapitalmarkts in China von Anlegern weltweit berücksichtigt werden muss.

This post is also available in: Englisch, Vereinfachtes Chinesisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch

Die alte chinesische „Seidenstraße“ ist eine Handelsstraße, die vermutlich bis in die Han Dynastie vor über 2.000 Jahren zurückgeht. Ihren Namen hat dieses Netz, das die Land- und Seehandelsrouten zwischen China, Zentralasien und den arabischen Ländern bis nach Afrika und Europa verbindet, der Bedeutung des Seidenhandels für die Region zu verdanken.

2013 gab Chinas Präsident Xi Jingping offizielle Pläne für die Errichtung eines modernen Netzwerks aus Eisenbahn, Häfen, Pipelines und sogar Datenautobahnen bekannt. Die sogenannte „One-Belt-One-Road“ (OBOR)-Initiative soll die wirtschaftlichen und diplomatischen Interessen in der Region durch Investitionen in die verschiedenen am Programm teilnehmenden Länder grundlegend verändern.

China richtete 2014 einen mehrere Millionen Dollar schweren Spezialfonds zur Finanzierung verschiedener Infrastrukturprojekte entlang der alten Seidenstraßen ein, und schuf damit neue Wirtschaftskorridore. Möglicherweise ist es die größte Initiative dieser Art, die je von einem Land unternommen wurde. Derzeit erstreckt sich die OBOR-Initiative auf über 60 Länder.

Die im Programm enthaltene Seeroute umfasst Häfen entlang von Chinas Küste, Hanoi in Vietnam, Kuala Lumpur in Malaysia, Jakarta in Indonesien, Kalkutta in Indien, Colombo in Sri Lanka, Nairobi in Kenia und Athen in Griechenland, wo die Chinesen den Hafen von Piräus gekauft haben. Einen Hinweis darauf, dass die Chinesen ihren Worten nun auch Taten folgen lassen, erhielt ich kürzlich bei einem Besuch in Sri Lanka. An der Küste von Colombo hatten die Chinesen einen brandneuen, riesigen Containerhafen errichtet, in dem die größten Containerschiffe der Welt abgefertigt werden können.

Eine im Rahmen des Projekts geplante Landroute wird von Xian und Urumqi im Westen Chinas, durch Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan in Zentralasien, über Teheran im Iran, Ankara in der Türkei, Moskau in Russland bis nach Rotterdam in den Niederlanden führen. Verschiedene andere Länder wie Pakistan und Georgien werden die Folgen selbstverständlich ebenfalls zu spüren bekommen, wenn sich die Zusammenarbeit im Handel und im Energiesektor in mehreren Bereichen innerhalb der Region ausweitet.

Mitte Mai veranstaltete China einen hochkarätigen OBOR-Gipfel. Dort wurden zusätzlich zu den seit Lancierung der Initiative 2013 bereits erfolgten Investitionen zahlreiche neue Investitionen angekündigt. Auf dem Gipfel sagte China neue Investitionen in Höhe von mehr als 100 Milliarden USD zu.

Ferner gaben Regierungsvertreter bekannt, dass chinesische Unternehmen 56 wirtschaftliche Kooperationszonen in über 20 Ländern errichtet haben. China legt den Schwerpunkt seiner Investitionen auf den Südkaukasus und Zentralasien, da diese Regionen eine strategische Verbindung zwischen China und Europa sichern. Die Vereinbarungen mit Usbekistan sind nur ein Beispiel für die immensen Auswirkungen der chinesischen Investitionen. Die beiden Länder haben diverse mehrere Milliarden Dollar schwere Vereinbarungen unter anderem im Bereich Energieinfrastruktur geschlossen, und China wurde die Gasversorgung vertraglich zugesichert.

Die Transportkorridore verbinden ein Eisenbahnnetz, das von China, Kirgisistan, Usbekistan bis nach Afghanistan reicht und auch eine Anbindung an die Seehäfen in Pakistan und im Iran sicherstellt. Auf der Konferenz wurde die Bedeutung der Länder im Kaukasus unterstrichen und entsprechend unter anderem ein Freihandelsabkommen zwischen China und Georgien unterzeichnet. Georgien besticht unter anderem durch das Assoziierungsabkommen mit der Europäische Union (EU). Chinesische Joint Ventures in Georgien könnten damit bewirken, dass entsprechende Produkte auf dem EU-Binnenmarkt bevorzugt behandelt werden.

Meines Erachtens wird das OBOR-Programm vielen chinesischen Unternehmen zugutekommen, hat aber auch für andere Länder der Region und darüber hinaus weitreichende Folgen. Anfangs werden zwar einige asiatische Länder die Auswirkungen am stärksten zu spüren bekommen, später dürfte aber auch Afrika in großem Stil profitieren. Obwohl die afrikanischen Länder nicht direkt an der Seidenstraße liegen, werden sie in die One-Belt-Projekte zum Ausbau der Seewege profitieren. Einige Infrastrukturverbesserungen sind bereits in Gang. Zudem könnten die Länder in Europa profitieren, sobald das Programm abgeschlossen ist und sich die neuen Handels- und Investitionsverbindungen entfalten.

China verfolgt mit diesem Programm zwar vor allem den Ausbau seiner wirtschaftlichen Stellung und seiner Macht, dennoch dürften die Chinesen darauf achten, dass die an OBOR-Projekten beteiligten chinesischen Unternehmen nicht über Gebühr bevorzugt werden. Unter dem Strich strebt China eindeutig eine Ausweitung des Welthandels an, von der die beteiligten Unternehmen profitieren werden. Andere wiederum werden selbstverständlich auf der Strecke bleiben. Das unterstreicht, dass Anleger an diesen Märkten besonders sorgfältig auswählen müssen.

Ein Wort zu China und der Finanzwelt

Einige Beobachter gehen davon zwar aus, dass China und viele andere Länder in mehrfacher Hinsicht von der OBOR-Initiative profitieren werden. Aber sie ist auch mit Risiken verbunden. China hat zur Finanzierung von OBOR-Projekten ein Konsortium von Banken und Fonds zusammengestellt. Dennoch sind viele Anleger nach wie vor über den Zustand des chinesischen Finanzsystems beunruhigt. Der chinesische Binnenmarkt steht angesichts des Übergangs seiner Wirtschaft und der Abkehr vom exportorientierten Modell vor großen Herausforderungen. Das Wachstum in China hat sich in den letzten Jahren etwas verlangsamt, gleichzeitig sind die Sorgen über Überkapazitäten in einigen Sektoren rasant gestiegen.

Für Bedenken sorgen vor allem die sogenannten „Schattenbanken“ in China. Gemeint sind Finanztransaktionen außerhalb des formalen Systems, bei denen kein solides Sicherheitsnetz zur Verfügung steht. Dies war möglicherweise ein Grund dafür, dass eine namhafte Ratingagentur China vor Kurzem herabgestuft hat, obwohl das Land nach wie vor in der Kategorie Investment Grade bleibt.

Es gibt Anzeichen dafür, dass die chinesische Regierung sich um eine Bereinigung der Exzesse im Finanzsektor bemüht, vor allem mit Blick auf den Verkauf von Vermögensverwaltungsprodukten, die wesentlicher Bestandteil des Schattenbankensystems sind.

Im Juni wiesen die chinesischen Behörden Banken an, den Geschäftsverkehr mit einer chinesischen Holdinggesellschaft auszusetzen, die über mehrere Filialen Finanzdienstleistungen anbot. Die Behörden gaben bekannt, dass der Chef der Gesellschaft „aus persönlichen Gründen vorübergehend nicht in der Lage sei, seine Funktion wahrzunehmen.“ Offensichtlich bezogen sich die Sorgen der Regierung auf den Verkauf von hochverzinslichen Finanzprodukten an Kunden, um Vermögenswerte im Immobilien- und Banksektor massiv zu unterstützen.

Vor Kurzem war ich in New York und sah, dass das berühmte Hotel Waldorf Astoria geschlossen und mit Brettern vernagelt war. 2015 war es von eben jener großen chinesischen Holdinggesellschaft aufgekauft worden. Diese hatte Pläne bekanntgegeben, einen Teil des Hotels in Eigentumswohnungen umzubauen. Das stieß bei Liebhabern des in einem einzigartigen Art-déco-Stil errichteten Gebäudes auf großes Missfallen.

Der Kauf erregte große Aufmerksamkeit und löste wahrscheinlich in Peking große Verwunderung aus. Die Behörden versuchten, den Abfluss von Devisen zu stoppen, um eine Abwertung der chinesischen Währung zu verhindern. Sobald der Renminbi stabil und das Vertrauen in den Binnenmarkt wiederhergestellt ist, werden die Behörden ihre langfristigen Finanzreformen voraussichtlich leichter fortsetzen können.

Im Herbst wird der 19. Parteitag der Kommunistischen Partei stattfinden. Vor diesem Hintergrund wird Präsident Xi sich vor allem um finanzielle Stabilität bemühen und beweisen müssen, dass er in der Lage ist, über ein stabiles Finanzsystem zu regieren. Nur so kann eine breitere Unterstützung für das OBOR-Programm an den chinesischen Aktien- und Anleihemärkten gewonnen werden.

Die Kommentare, Meinungen und Analysen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.

Wichtige Hinweise
Alle Anlagen beinhalten Risiken, auch den möglichen Verlust der Kapitalsumme. Anlagen in ausländischen Wertpapieren sind mit besonderen Risiken behaftet, darunter Währungsschwankungen sowie ungewisse wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Anlagen in Schwellenländern, zu denen als Untergruppe auch die Grenzmärkte gehören, sind mit erhöhten Risiken in Bezug auf dieselben Faktoren verbunden. Hinzu kommen die durch ihre kleinere Größe, ihre geringere Liquidität und die nicht so fest gefügten rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen zur Stützung der Wertpapiermärkte bedingten Gefahren. Da diese Rahmenbedingungen in Grenzländern in der Regel noch geringer ausgeprägt sind und diverse Faktoren vorliegen, wie gesteigertes Potenzial für extreme Preisschwankungen, Illiquidität und Handelsbarrieren und Wechselkurskontrollen, werden die mit Schwellenländern verbundenen Risiken in Grenzländern verstärkt. Aktienkurse schwanken mitunter rasch und heftig. Das kann an Faktoren liegen, die einzelne Unternehmen, Branchen oder Sektoren betreffen, oder an den allgemeinen Marktbedingungen.

[1] Indizes werden nicht gemanagt. Es ist nicht möglich, in einen Index zu investieren. Gebühren, Kosten oder Ausgabeaufschläge sind in den Indizes nicht berücksichtigt.

Halten Sie sich auf dem Laufenden

Blog-Aktualisierungen direkt in Ihre Mailbox

Leave a reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Erforderliche Felder sind mit * markiert.